EU-Handelspolitik: Mehr Märkte und engere Kooperationen sorgen für moderate Wachstumseffekte

Die deutschen Exporte schwächeln - etwa in der Autobranche (Archivbild)
Die deutschen Exporte schwächeln - etwa in der Autobranche (Archivbild) Foto: Sina Schuldt/dpa

Zunehmende Zollkonflikte zwischen den USA und der EU, aber auch die zunehmende Konkurrenz aus China bremsen das Wachstum spürbar. Insbesondere exportstarke Länder wie Deutschland und viele weitere europäische Volkswirtschaften sind hiervon betroffen. Die EU bemüht sich als Reaktion stärker darum, neue Handelsabkommen mit anderen Staaten abzuschließen und bestehende Abkommen zu vertiefen. Modellrechnungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigen allerdings insgesamt nur moderate Wachstumseffekte: Gelingt es der EU, mit 26 Ländern neue Abkommen abzuschließen und ihre bestehenden Abkommen mit 40 Ländern zu vertiefen, könnte dies das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) langfristig um bis zu 0,7 Prozent steigern. Für die EU läge der mögliche BIP-Zuwachs bei etwas mehr als 0,6 Prozent.

Der stärkste Wachstumsimpuls würde sich ergeben, wenn beide Szenarien, also der Abschluss neuer Abkommen und die Vertiefung bestehender, gemeinsam betrachtet werden. Für Deutschland wäre dies langfristig mit einem um 0,7 Prozent höheren BIP verbunden. Bezogen auf das BIP des Jahres 2024 entspräche das rund 29 Milliarden Euro. Für die EU läge der entsprechende Wert bei etwas über 0,6 Prozent. Branchen, die in besonderem Maße vom Abbau bestehender Handelshemmnisse profitieren würden, sind in Deutschland der Automobil- und Metallbereich, die Elektroausrüstung und der Maschinenbau. 

In der Praxis sind die politischen Hürden für Handelserleichterungen in dem beschriebenen Szenario so hoch, dass eine Umsetzung aller simulierten Abkommen nicht realistisch ist. „Dennoch geben diese Berechnungen einen Orientierungsrahmen dafür, was die EU mit mehr und tieferen Abkommen erreichen könnte. Mit dem Abschluss neuer und der Vertiefung bestehender Freihandelsabkommen kann die EU eine konstruktive Antwort auf die US-Zollpolitik geben“, sagt Thieß Petersen, Wirtschaftsexperte der Bertelsmann Stiftung.

Verlässlichkeit macht die EU attraktiv für Handelspartner

Die kombinierte Lösung aus Vertiefung und neuen Abkommen bringt den größten Effekt. Die Einzelvarianten bleiben dahinter zurück. So könnte eine Reihe neuer Handelsabkommen mit einigen der wichtigsten Volkswirtschaften in Asien, Südamerika, Afrika sowie Australien das deutsche BIP langfristig um 0,36 Prozent erhöhen. Bezogen auf das Jahr 2024 wären das rund 15,5 Milliarden Euro. Der entsprechende Wert für die EU beträgt 0,3 Prozent und damit etwas mehr als 54 Milliarden Euro. 

Eine Vertiefung der bestehenden EU-Freihandelsabkommen hätte ähnliche Effekte. Die wenigsten Handelshemmnisse bestehen aktuell zwischen der EU und Südkorea. Könnte die EU all ihre bereits existierenden Freihandelsabkommen auf dieses Niveau bringen, würde das deutsche BIP bereits kurzfristig um 0,3 Prozent höher ausfallen. Allerdings sind derart tiefe Handelsabkommen auch schwieriger zu verhandeln als solche, die sich auf Zollsenkungen konzentrieren.

„Die Wachstumseffekte einzelner Abkommen sollten wir nicht überschätzen, und auch bei vielen neuen Abkommen in Summe wäre der Effekt eher moderat“, kommentiert Etienne Höra, Handelsexperte der Bertelsmann Stiftung. „In unsicheren Zeiten schaffen Handelsabkommen aber Stabilität und Verlässlichkeit und können außerdem helfen, die Abhängigkeit von einzelnen Ländern zu reduzieren. Daran haben sowohl die EU als auch ihre Handelspartner ein großes Interesse. (Quelle: Bertelsmann Stiftung)

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