Wer einmal einen hohen Gipfel erklommen hat, weiß: Erfolg am Berg erfordert nicht nur körperliche Fitness, sondern vor allem mentale Stärke, strategische Planung und Entschlossenheit. Die gleichen Qualitäten sind essenziell für eine Karriere in der Führungsetage. Als CEO und leidenschaftliche Alpinistin habe ich immer wieder festgestellt, wie eng die Prinzipien des Bergsteigens mit erfolgreichem Leadership verknüpft sind. In beiden Bereichen geht es um Zielorientierung, Risikomanagement, Resilienz und die Fähigkeit, in herausfordernden Situationen kühlen Kopf zu bewahren.
Ein Gastbeitrag von Dr. Christine Theodorovics
Dieser Artikel beleuchtet, wie das „CEO-Mindset“ durch Erfahrungen am Berg geschärft werden kann und warum Sport insbesondere für Frauen eine Schlüsselrolle auf dem Weg zu beruflichem Erfolg spielt.
1. Zielorientierung: Ohne Gipfel kein Weg
Im Bergsteigen ist das Ziel klar definiert – der Gipfel. Doch ein erfolgreicher Aufstieg beginnt nicht erst am Berg, sondern lange vorher: mit der richtigen Planung, Training, einer durchdachten Strategie und der mentalen Vorbereitung.
Das Gleiche gilt für die Karriere: Wer sich in einer Führungsrolle behaupten will, sollte seine Ziele präzise definieren, eine Strategie entwickeln und sich konsequent daran ausrichten. Frauen in Führungspositionen stehen dabei oft vor besonderen Aufgaben – sei es aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen, struktureller Barrieren oder eigener Selbstzweifel. Doch wer weiß, wohin er will, bleibt auch auf schwierigen Wegen standhaft. Und das heisst nicht, dass man sich nicht eine gewisse Flexibilität erhalten sollte – im Gegenteil. Der Weg kann sich ändern, die Ausrichtung auf das Ziel gibt die Orientierung.
Praxis-Tipp: Formulieren Sie Ihre Ziele klar und konkret. Fragen Sie sich: Wo will ich in fünf oder zehn Jahren stehen? Welche „Route“ bringt mich dorthin? Und welche Herausforderungen muss ich auf dem Weg einkalkulieren?
2. Resilienz: Durchhalten, wenn es hart wird
Fast kein Gipfelaufstieg verläuft reibungslos. Es gibt Momente, in denen der Wind auffrischt, das Wetter umschlägt, der Weg steiler als erwartet ist oder die Kräfte nachlassen. Doch wer gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen, findet einen Weg nach oben.
Im Management sind Krisen unvermeidlich – seien es wirtschaftliche Turbulenzen, unternehmerische Fehlschläge oder persönliche Rückschläge. Frauen in Führungspositionen müssen dazu oft mit zusätzlichen Widerständen umgehen. Umso wichtiger ist es, Resilienz zu entwickeln: die Fähigkeit, Rückschläge nicht als Niederlagen, sondern als Lernmomente zu begreifen und sich davon nicht entmutigen zu lassen.
Praxis-Tipp: Reflektieren Sie Krisen in Ihrer Karriere: Was hat Ihnen geholfen durchzuhalten? Welche Fähigkeiten oder Netzwerke haben Sie gestärkt? Machen Sie sich bewusst, dass jede schwierige Situation eine Chance zur persönlichen Weiterentwicklung ist.
3. Risikomanagement: Die Balance zwischen Vorsicht und Mut
Am Berg bedeutet Risiko nicht nur Gefahr, sondern auch Chance. Es kommt auf die richtige Einschätzung an. Wer zu risikofreudig ist, begibt sich unnötig in Gefahr. Wer zu zögerlich ist, verpasst die Gelegenheit, den Gipfel zu erreichen. Erfolgreiches Bergsteigen erfordert eine kluge Risikoabwägung – eine Fähigkeit, die im Management unerlässlich ist.
Manchmal neigen Frauen dazu, Risiken eher zu vermeiden, als sie direkt und bewusst einzugehen. Oft bewerben sie sich zum Beispiel erst dann für eine Position, wenn sie alle Anforderungen zu 100% erfüllen. Dabei zeigt die Forschung, dass Männer oft schneller Chancen ergreifen und sich bewerben – selbst dann, wenn sie noch nicht alle Qualifikationen mitbringen. Die Kunst liegt darin, Risiken realistisch einzuschätzen und mutig, aber durchdacht zu handeln.
Praxis-Tipp: Stellen Sie sich die Frage: Welche Risiken sind es wert, eingegangen zu werden? Wenn mir eine Chance geboten wird, wieso sollte ich zögern, sie anzunehmen? Welche Worst-Case-Szenarien gibt es, und wie könnte ich ihnen begegnen? Lernen Sie, Chancen zu nutzen, auch wenn nicht alles perfekt scheint.
4. Teamwork: Kein Gipfel ohne Seilschaft
Egal, wie stark oder erfahren eine Alpinistin ist – allein auf schwierigen Routen zu bestehen, ist viel schwerer und unsicherer, als mit anderen. Der Erfolg hängt von der Stärke der Seilschaft ab: Vertrauen, Kommunikation und gegenseitige Unterstützung sind entscheidend.
Auch in der Businesswelt ist niemand erfolgreich, wenn völlig allein und auf sich gehandelt wird. Netzwerke, Kolleg:innen und eine gute Zusammenarbeit mit Teams sind essenziell, um Herausforderungen zu meistern. Frauen profitieren besonders von starken Netzwerken – sei es durch formelle Mentoring-Programme oder informelle Unterstützungsgruppen.
Praxis-Tipp: Bauen Sie ein starkes Netzwerk auf, sowohl innerhalb als auch außerhalb Ihres Unternehmens. Unterstützen Sie andere Frauen – und lassen Sie sich selbst unterstützen. Ein starkes Netzwerk ist eine der wichtigsten Ressourcen für eine erfolgreiche Karriere.
5. Selbstbewusstsein: Warum Mädchen und Frauen durch Sport profitieren
Studien zeigen, dass Sport einen entscheidenden Einfluss auf das Selbstbewusstsein von Frauen hat. Besonders in jungen Jahren hilft Sport dabei, Selbstvertrauen, Durchsetzungsstärke und Teamfähigkeit zu entwickeln – Eigenschaften, die im Berufsleben entscheidend sind.
Eine Untersuchung der Women’s Sports Foundation ergab, dass ein grosser Teil aller weiblichen Top-Managerinnen in ihrer Jugend Sport getrieben haben. Der Sport bereitet auf Leadership-Rollen vor. So sind die Fähigkeiten im Team zu arbeiten, aus Fehlern zu lernen und Druck aushalten zu können, die Top drei Eigenschaften, die erwähnt wurden. Sport lehrt, schwierige Situationen zu meistern, mit Siegen und Niederlagen umzugehen und sich auf ein Ziel zu fokussieren – alles Kompetenzen, die auch in der Geschäftswelt gefragt sind.
Praxis-Tipp: Bleiben Sie sportlich aktiv – egal in welcher Form. Sport ist nicht nur körperlich gesund, sondern stärkt auch mentale Widerstandsfähigkeit und Selbstbewusstsein. Und er ist ein idealer Ausgleich zu den langen Tagen im Management. Wenn Sie Töchter haben oder junge Frauen in Ihrem Umfeld fördern möchten, ermutigen Sie sie, Sport zu treiben.
Fazit: Das CEO-Mindset einer Gipfelstürmerin
Ob am Berg oder im Business – Erfolg erfordert Zielstrebigkeit, Resilienz, kluges Risikomanagement, Teamfähigkeit und den Mut, neue Herausforderungen anzunehmen. Frauen in Führungspositionen können vom Alpinismus viel lernen: Nicht jeder Weg ist einfach, aber mit der richtigen Strategie, der passenden Seilschaft und dem Mut, dranzubleiben, ist fast jeder Gipfel erreichbar.
Mein Rat an alle Frauen, die beruflich nach oben wollen:
Denken Sie groß, setzen Sie klare Ziele, bereiten Sie sich gut vor und vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeiten. Lassen Sie sich von Rückschlägen nicht entmutigen – sie sind Teil des Weges. Und: Bleiben Sie sportlich aktiv, denn Bewegung stärkt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Der Gipfel gehört denen, die den Mut haben, ihn zu erklimmen!
Zur Person: Dr. Christine Theodorovics, gebürtige Wienerin mit Schweizer Pass, ist CEO von Baloise, der bedeutendsten ausländischen Versicherung in Luxemburg. Sie hat eine 25-jährige Karriere in der Finanzbranche in einer Vielzahl von Ländern und auf verschiedenen Kontinenten hinter sich, ist aber auch begeisterte Sportlerin und Alpinistin. Unter anderem hat sie alle 48 4.000er Gipfel in der Schweiz erklommen und war schon viele Male an den Bergen der Welt unterwegs, wo sie auch mehrere 6.000er bestiegen hat. Ihrer Bergbegeisterung folgend hat sie sogar über «Expedition Leadership» promoviert. Sie lebt mir ihrem Partner in Luxembourg und ihrer Bleibe in den Schweizer Bergen.