Frauen fahren Frauen: Wie Melanie Soler Heimwege sicherer macht

Foto: Melanie Soler © Valeria Seleznova
Foto: Melanie Soler © Valeria Seleznova

Sicherheit auf dem Nachhauseweg ist für viele Frauen noch immer ein Problem: Übergriffe oder unangenehme Situationen in Taxis oder bei Fahrdiensten sind keine Seltenheit. Genau hier setzt das Berliner Start-up FemRide an. Gegründet von Aykut Atli, Dr. Kerstin Wendt und Melanie Soler, vermittelt FemRide ausschließlich Fahrerinnen für weibliche Fahrgäste und möchte damit die Heimfahrt sicherer und verlässlicher machen. Der Service ist seit September 2025 in Berlin verfügbar.

Courage: Wie ist die Idee zu FemRide entstanden und welches Problem wollt ihr mit dem Start-up lösen?

Melanie Soler: Die Idee zu FemRide ist aus einer Notwendigkeit heraus entstanden, die wir alle kennen: Jede vierte Frau fühlt sich in öffentlichen Verkehrsmitteln unwohl, bei Taxi- und Ride-Hailing-Diensten sind es sogar 78 Prozent (Berliner Zeitung). Wir haben erkannt, dass viele Frauen regelmäßig unangenehme oder sogar bedrohliche Situationen erleben – sei es der späte Heimweg, unerwünschte Kommentare oder einfach dieses ungute Gefühl während der Fahrt mit einem fremden Mann. Gemeinsam mit meinen Mitgründern Aykut Atli und Dr. Kerstin Wendt haben wir uns entschieden, Europas erste Fahrtenvermittlung nur für Frauen zu schaffen. Wir sind im September 2025 in Berlin gestartet.

Unsere Vision ist klar: Wir wollen Mobilität nicht nur sicherer machen, sondern auch Frauen beruflich stärken. Unser Ziel ist es, in fünf Jahren 2.500 Jobs für Frauen zu schaffen. FemRide ist mehr als nur ein Fahrdienst – es ist eine Bewegung. Wir planen außerdem eine FemRide-Akademie, die Frauen beim Erwerb ihrer Qualifikationen unterstützt und neue Wege in die Selbstständigkeit eröffnet, besonders für Alleinerziehende, Migrantinnen und Quereinsteigerinnen. Dort wollen wir Sprachkurse, Yoga-Kurse, aber auch psychologische Beratungen u. v. m. anbieten. Langfristig wollen wir Berlin zur Vorreiterstadt für inklusive Mobilität machen und dann in ganz Europa expandieren. Sicherheit darf kein Zufall sein, sondern ist bei uns Standard.

Welche persönlichen Erfahrungen oder Beobachtungen haben dich bzw. euch dazu bewegt, FemRide aktiv mitzugestalten?

Kerstin, Aykut und ich haben jeweils eine andere Motivation, was super spannend ist. Aykuts Motivation bestand darin, dass seiner Frau Anfang 2024 etwas Schlimmes auf ihrer ersten Fahrt mit Uber passiert ist und sie mitten auf der Autobahn aussteigen musste. Aykut versuchte, sie von einem Taxi mit einer weiblichen Fahrerin abholen zu lassen, weil sie nach dem Erlebnis nie wieder in ein Auto mit einem fremden Mann einsteigen konnte – jedoch ohne Erfolg. So kam er zu dem Entschluss, eine Lösung zu schaffen: einen Fahrdienst von Frauen für Frauen, ganz einfach über die FemRide-App buchbar.

Ich kam im Sommer 2025 mit an Bord. Wir haben den ersten Geburtstag meiner Tochter gefeiert, und mir fehlte der Sinn in meiner Arbeit, mich und sie stolz zu machen und die Welt etwas besser und sicherer zu gestalten. Meine persönliche Motivation ist es einerseits, Arbeitsplätze bei FemRide für Mütter zu schaffen, und andererseits Fahrten für Mütter als Nutzerinnen der App mit Kindersitzen möglich zu machen. Und zwar nicht die typischen Styropor-Auflagen ab 12 Jahren, sondern wirklich richtige Baby- und Kindersitze, die ich auch für meine eigene Tochter kaufen würde.

Wie seid ihr als Gründer:innen-Team zusammengekommen, und welche Rolle übernimmst du persönlich?

Unser Team ist eine spannende Mischung aus unterschiedlichen Kompetenzen, die sich perfekt ergänzen! Dr. Kerstin Wendt ist unsere Co-Founderin und bringt wahnsinnig viel Expertise mit – sie hat einen PhD in Informatik und über 15 Jahre Erfahrung im Mobilitätssektor. Sie ist außerdem Geschäftsführerin und aktiv im Netzwerk „Women in Mobility“ (mehr als 8.000 Mitglieder) sowie eine leidenschaftliche Verfechterin inklusiver Mobilität. Ich habe sie beim IHK „Leading Ladies Business-Brunch“ in Berlin kennengelernt. Nach zwei Minuten und Gänsehaut meinerseits war klar: Ich brauche FemRide und möchte alles daransetzen, dass es funktioniert – und FemRide braucht mich.

Ich bin selbst Content Creatorin auf Instagram mit ca. 170.000 Follower:innen, sodass ich authentisch und organisch mit unserer Community kommunizieren und diese aufbauen kann. Außerdem habe ich einen Start-up-Background. Meine 14-jährige Erfahrung im Marketing und Social Media hat gefehlt und macht unser Gründungsteam komplett. Ich sage immer, dass ich der emotionale und kreative Kopf bei uns bin (lacht). Female Empowerment liegt mir schon immer am Herzen, und bei FemRide kann ich das wunderbar mit meiner Leidenschaft als Mutter verbinden.

Wir drei ergänzen uns perfekt: Aykut mit seiner unternehmerischen Vision, Kerstin mit ihrer technischen und Mobilitäts-Expertise und ich mit meinem Zugang zu Social Media und Marketing sowie dem kreativen und emotionalen Part.

Wie läuft eine Fahrt ab und wie sorgt ihr für Sicherheit?

Unser Service ist ganz einfach zu nutzen und gleichzeitig maximal sicher! Man öffnet einfach die FemRide-App, gibt sein Ziel ein, wählt die gewünschte Service-Kategorie (Standard oder Premium, zukünftig auch Pre-Bookings und Kindersitze), verfolgt die Fahrerin in Echtzeit und genießt dann eine sichere und angenehme Fahrt. Die Bezahlung läuft komplett über die App, die Preise sind transparent und im Voraus sichtbar – keine versteckten Kosten!

Unsere Sicherheitsfeatures sind umfassend: speziell geschulte Fahrerinnen, sichere Identifizierung, digitales Live-Tracking, Notfall-Button, anonymen Kontaktschutz sowie ein datensensibles Profilsystem mit Community-Feedback. Fahrerinnen und Fahrgäste sind über Veriff verifiziert, ihre Kontaktdaten bleiben privat, und sie können anonym miteinander kommunizieren – diskrete Kommunikation ist uns wichtig.

Das Herzstück ist unsere Gender-Identifizierungsfunktion. Sie stellt bereits bei der Registrierung sicher, dass ausschließlich Frauen (und minderjährige Kinder) Teil des Netzwerks werden – sowohl als Fahrerinnen als auch als Fahrgäste. So leben wir unser Motto „Driven for Women by Women“ nicht nur als Versprechen, sondern setzen es auch technisch um.

Wie habt ihr die Firmengründung finanziert?

Bisher mit Eigenkapital und Business Angels. Wir befinden uns aktuell in einer Finanzierungsrunde und suchen nach weiteren Impact-Investor:innen oder Business Angels, die uns vor allem beim Thema Expansion voranbringen können. Den Großteil haben wir zu Beginn selbst als Gründer:innen aufgebracht, dazwischen haben wir uns über Wandeldarlehen finanziert.

Nutzerinnen, Fahrerinnen, Mitarbeiter:innen – wie entwickeln sich Zahlen und Umsatz?

Seit unserem Soft-Launch im September 2025 haben wir ca. 1.000 App-Downloads generiert und 30 Fahrerinnen an Bord. Wir sind ein Team von sieben großartigen Menschen, die seit vielen Monaten unsere gemeinsame Mission unterstützen. Wir fangen bewusst klein an, denn wir haben das klassische Henne-Ei-Problem: Braucht es zuerst mehr Fahrerinnen oder zuerst viele Kundinnen? Beides ist wichtig und muss organisch wachsen. Daher liegt unser Fokus aktuell weiterhin auf der Fahrerinnen-Rekrutierung sowie auf Ausbildung und Unterstützung (FemRide-Akademie). Die Nachfrage ist zum Glück ohnehin gegeben und wird dann mit Marketing-Budget und klugen Maßnahmen stetig steigen.

Wie seht ihr eure Position im Vergleich zu Uber oder Bolt, die inzwischen ebenfalls Optionen für Frauen anbieten? Und was kosten die Fahrten bei euch im Vergleich?

Das ist eine super wichtige Frage! Ja, Uber hat im Mai 2025 die Option „Women Drivers“ in Berlin, Frankfurt und München gestartet – also kurz bevor wir im September live gegangen sind und nachdem Aykut Atli bereits viel mediale Aufmerksamkeit mit seiner Idee bekommen hatte. Aber es gibt fundamentale Unterschiede zwischen uns:

Der größte Unterschied: unser Konzept vs. nur eine Option. Bei Uber ist das Frauen-Feature lediglich eine Option innerhalb eines gemischten Systems. Der Fahrerinnenanteil bei Uber und Bolt liegt bei unter fünf Prozent. Das bedeutet in der Praxis: Die Wartezeit bei „Women Drivers“ liegt bei mindestens zehn Minuten, während die durchschnittliche Wartezeit sonst nur fünf Minuten beträgt – also doppelt so lang.

Wir bei FemRide sind von Grund auf als 100 % Women-only-Plattform konzipiert. Wir sind die erste Ride-Hailing-Plattform in Europa, die dieses Konzept umsetzt. Unser gesamtes Netzwerk – jede Fahrerin, jede Fahrgästin – ist verifiziert und weiblich. Das ist kein Add-on, sondern unsere DNA.

Was die Preise angeht: Wir bieten transparente Preise – der Fahrpreis ist im Voraus sichtbar, ohne versteckte Kosten. Bei Uber und Bolt zahlt man Mietwagenpreise, die vom Unternehmen selbst bestimmt werden und teilweise so gruselig niedrig sind, dass man sich ernsthaft fragen sollte, wie Autos, Benzin und Mitarbeiter:innen fair bezahlt werden sollen. Wir orientieren uns an den von Berlin festgelegten Taxi-Preisen, die staatlich reguliert sind. Somit zahlen unsere Kundinnen in der Taxikategorie nicht mehr als anderswo.

Agilität und Schnelligkeit sind Vorteile für Start-ups. Gibt es Features oder Ideen, die ihr eingeführt habt, die große Player so schnell nicht umsetzen könnten?

Ja – und dabei geht es nicht nur um technische Features, sondern vor allem um strukturelle Entscheidungen. Technisch: Wir haben ein ID-Gender-Verifizierungsverfahren mit Bank-Level-KYC eingeführt – für Fahrerinnen und Nutzerinnen. Uber und Bolt verifizieren Fahrgäste überhaupt nicht. Für Massenplattformen wäre das ein Conversion-Killer, für uns ist es der Vertrauensanker.

Strukturell: Unser 100%-Prinzip – ausschließlich weibliche Fahrerinnen für weibliche Fahrgäste. Uber hat kurz nach unserem ersten Presseartikel „Women+“ eingeführt, aber sie können Fahrerinnen nicht zusichern, dass sie ausschließlich Frauen fahren. Bei uns ist das der Kern, bei ihnen ein Add-on. Im Detail: Kindersitze und Periodenprodukte an Bord. Klingt klein, macht aber den Unterschied zwischen „Ich toleriere den Service“ und „Ich fühle mich verstanden“.

Euer Service ist seit September 2025 in Berlin aktiv – was sind eure Pläne für den Ausbau? Gibt es bestimmte weitere Städte, die ihr als Nächstes anpeilt?

Auf jeden Fall. Wir wollen noch 2026 in weitere große Städte Deutschlands expandieren, wie München, Köln, Bonn, Frankfurt und – wenn wir es schaffen – Hamburg. Danach folgt Europa!

Melanie, du lebst mittlerweile in Spanien und hast viele Facetten in deinem Leben – vom Modeln bis zur Familienplanung mit einem Kind. Machst du FemRide hauptberuflich? Und wenn nicht: Womit verdienst du dein Geld in erster Linie?

FemRide ist mein zweites Baby! Ich habe im Sommer angefangen und hatte vorher gar keinen Schimmer von der Taxi-Branche – es ist wirklich verrückt, wie schnell man so viel Neues lernen kann, aber es war auch hart. Ich arbeite tagsüber, während meine Tochter in der Kita ist. Wenn ich sie abhole, kommt das Handy weg, und ich bin nicht erreichbar, bis sie wieder schläft und ich weiterarbeite. Und das alles (noch) komplett unbezahlt. Mein Geld verdiene ich durch meinen Beruf als Model und Content Creatorin, was ebenfalls sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, da ich mich dort komplett selbst manage und mein Erfolg von meinem eigenen Input abhängt. Aber ich gehe total darin auf und glaube daran, etwas zu tun, das die Welt ein kleines Stück besser macht – und worauf meine Tochter später stolz sein kann.

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