„Für mich ist Work-Life-Balance Teamwork“

Foto: ©Daniel Infanger
Foto: ©Daniel Infanger

Alexandra Lau war Mitglied der Geschäftsleitung und Leiterin des Geschäftsbereichs Corporate Development & Sustainable Asset Management bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB). Wie schafft man es, Mitarbeiter zu motivieren und deren Potentiale herauszukitzeln? Das und mehr haben wir die neue Generation-CEO-Netzwerkerin befragt.

Courage hat bereits hier über das Netzwerk Generation CEO e.V. und den Auswahlprozess berichtet. In den kommenden Wochen stellen wir Euch alle 13 Top-Managerinnen in einer Serie vor – jeweils am Freitag!

Courage: Wie schaffen Sie es, Mitarbeiter zu motivieren, deren Potenziale herauszukitzeln und die richtigen Werte zu vermitteln?

Alexandra Lau: Motivation, Potenzialentwicklung und Wertevermittlung hängen für mich stark mit Selbstreflexion und den eigenen Erfahrungen zusammen. Ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt, was mich in meiner Entwicklung positiv beeinflusst hat. Ich hatte das Glück, mit Vorgesetzten zusammenzuarbeiten, die mir Vertrauen geschenkt und Gestaltungsspielraum eingeräumt haben. Diesen Ansatz verfolge ich auch in meiner Arbeit. Authentizität ist für mich dabei essentiell – ich lebe die Werte und Verhaltensweisen, die ich erwarte, selbst vor.

Für mich steht psychologische Sicherheit immer im Vordergrund. In einem Umfeld, in dem sich Mitarbeitende trauen, Fehler zu machen, ihre Ideen zu teilen und auch kritisches Feedback anzubringen, können sie sich entfalten. In Entwicklungsgesprächen mit hoher Kadenz versuche ich, das Potenzial meiner Mitarbeitenden zu erkennen und ihre Entwicklung eng zu verfolgen. Ich gebe ihnen anspruchsvolle Aufgaben, mit denen sie über sich hinauswachsen.

Warum sind weibliche Vorstände in der Finanzbranche immer noch die Ausnahme?

In der Finanzbranche gibt es zu wenig weibliche Geschäftsleitungsmitglieder und darin unterscheidet sie sich nicht von anderen Branchen. Es gibt nach wie vor strukturelle Barrieren, unflexible Arbeitsmodelle und zu wenige weibliche Vorbilder. Die Finanzbranche ist eine konservative Dienstleistungsbranche, in der Kundenbeziehungen das größte Kapital sind. Diese Beziehungen und die daraus entstehenden Geschäftsmöglichkeiten werden häufig langfristig und informell über Netzwerke aufgebaut, die einen erheblichen Zeiteinsatz erfordern. Es ist eine Herausforderung, diesen Einsatz zu leisten. In höheren Positionen wird häufig nicht die Flexibilität ermöglicht, die notwendig wäre, um Beruf und Familie zu vereinbaren – das betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Allerdings sind nicht alle Unternehmen gleich. Es gibt Finanzunternehmen, die vorbildlich vorangehen.

Männer konzentrieren sich auf ihre Stärken, Frauen hadern mit ihren Schwächen, heißt es. Haben Sie in Bewerbungsgesprächen ähnliche Erfahrungen gemacht?

Diese Frage unterstellt, dass das Auseinandersetzen mit den eigenen Schwächen etwas Negatives sei. Ich bin jedoch überzeugt, dass nur diejenigen, die ihre Schwächen kennen, sich auch weiterentwickeln können. Selbstreflexion ist eine Voraussetzung für persönliche und berufliche Entwicklung. Seine Defizite zu kennen und sich auf seine Stärken zu konzentrieren, schließt sich ja nicht aus. Aus meiner Erfahrung sowohl als Führungskraft als auch aus vielen persönlichen Gesprächen weiß ich, dass sich auch Männer mit ihren Schwächen beschäftigen. Grundsätzlich, egal, ob Mann oder Frau, ist ein erwachsener, souveräner Umgang mit den eigenen Stärken und Schwächen wichtig, um den möglichen Wertbeitrag für ein Unternehmen und den Fit für eine Rolle zu erkennen.

Kann man Führungskraft werden, ohne rund um die Uhr verfügbar zu sein?

Führungskraft zu sein sollte nicht an der Verfügbarkeit und den geleisteten Arbeitsstunden, sondern an der Erreichung vereinbarter Ziele gemessen werden. Ich bin überzeugt, dass Führungspositionen durchaus in Teilzeit wahrgenommen werden können. Natürlich arbeite ich viel und in dringenden Situationen bin ich immer erreichbar. Das heißt aber nicht, dass ich 24 Stunden im Einsatz bin. Nach meiner Erfahrung ermöglicht die Delegation von Aufgaben an Mitarbeitende, von denen ich erwarte, dass sie mich bei kritischen Themen rechtzeitig einbeziehen, mehr Flexibilität und Freiräume für alle. Mir hilft es, klare Regeln zur Zusammenarbeit im Team zu vereinbaren und transparent mit allen zu kommunizieren.

Unterscheidet sich der schweizerische vom deutschen Führungsstil?

In der Schweiz sind die Strukturen oft weniger hierarchisch, und in vielen Unternehmen wird über alle Ebenen hinweg das „Du“ verwendet. Dies fördert eine unkomplizierte und zugängliche Kommunikation auf Augenhöhe. Ähnlich wie in der Schweizer Politik ist die Führungskultur hier konsensorientiert. Es sind mehr Personen im Entscheidungsprozess eingebunden. Das Ergebnis ist dann breit abgestützt und findet daher mehr Akzeptanz. Die Umsetzung der Entscheidungen ist dann in der Regel schnell und effizient.

Wie sieht Ihre Work-Life-Balance aus?

Für mich ist Work-Life-Balance keine Frage der individuellen Optimierung, sondern ein Familienthema. Work-Life-Balance bedeutet, dass jeder in der Familie einen Beitrag leistet, damit jeder seine Ziele und Wünsche realisieren kann und der Alltag funktioniert – sei es durch eine Aufteilung der Haushaltsarbeit oder Kinderbetreuung mit meinem ebenfalls berufstätigen Mann oder dadurch, dass unsere Kinder früh lernen, selbstständig zu sein. Dazu gehört auch, externe Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Als Familie unterstützen wir uns gegenseitig, wenn es bei einem von uns beruflich, schulisch oder persönlich intensive Phasen gibt. Für mich ist Work-Life-Balance Teamwork.

Zur Person: Alexandra Lau engagiert sich im Vorstand von Swiss Sustainable Finance und der Klimastiftung Schweiz für Nachhaltigkeit. Sie hatte verschiedene Führungspositionen bei der Credit Suisse im Internationalen Wealth Management inne und auch Erfahrung in der Unternehmensberatung gesammelt. Sie hat einen Abschluss in International Affairs & Governance von der Universität St. Gallen. Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt Alexandra (Jahrgang 1980) in der Nähe von Basel in der Schweiz. Ihre Freizeit verbringt sie gern mit ihrer Familie in der Natur, besonders in und auf dem Wasser.

Diesen Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

GOFLUO
Anzeige

Jetzt neu

Sie ist 35 und will in den Bundestag. Ein Interview mit Caroline Bosbach über Krisen, Kompetenzen und Kanzlerkandidaten.