Hilfe! Mein Kind will Influencer werden

Das Licht stimmt schon mal: Viele Kinder träumen von einer Karriere als Influencer.
Das Licht stimmt schon mal: Viele Kinder träumen von einer Karriere als Influencer. Foto: Niklas Graeber/dpa/dpa-tmn
Von TikTok-Träumen und Burnout-Risiken: Warum ein Leben auf Social Media nicht nur Spaß und schnelles Geld bedeutet – und wie Eltern ihre Kinder begleiten können, ohne den Anschluss zu verlieren.

Ludwigshafen (dpa/tmn) – Fragt man Grundschüler, was sie einmal werden wollen, kristallisieren sich oft zwei Wünsche heraus: Gefühlt die Hälfte favorisiert Fußballprofi, die andere Influencer. Letzteres ist zunächst einmal nicht weiter erstaunlich oder ungewöhnlich. Viele Kinder lieben es, sich zu verkleiden, aufzutreten und Rollen auszuprobieren. 

Neu ist die größere Öffentlichkeit und die kommerzielle Komponente, die die TikTok-, Instagram- oder YouTube-Stars vorleben. Und wie reagieren die Eltern, die die Vorbilder und Idole vielleicht gar nicht kennen?

Bitte auf keinen Fall abwertend, rät Deborah Woldemichael. Hören Sie Ihrem Kind zu und nehmen Sie dessen Wunsch ernst. «Ziel ist es, die Motivation dahinter zu verstehen», sagt die Leiterin der EU-Initiative klicksafe. Um was geht es dem Kind? Möchte es berühmt sein, reisen oder andere spannende Aktivitäten erleben? Oder will es reich werden und mit vermeintlich wenig Arbeit viel Geld verdienen?

Denn hier werden schon die ersten Vorurteile klar, die Eltern auflösen könnten. Richtig ist, dass Influencer kein Ausbildungsberuf ist, viele Stars aber gut davon leben können. Es gibt jedoch die Möglichkeit, das nötige Handwerkszeug zu erlernen, etwa durch Studiengänge oder Aus- und Weiterbildungen, die das Thema Social Media im Lehrplan haben. Dazu gehören Mediengestalter, Content Creator oder Social Media Manager. «Da die Branche so schnelllebig ist und die Karriere sich schwer steuern lässt, ist es umso sicherer, einen Beruf oder eine Ausbildung zu haben», sagt Woldemichael. 

Leicht verdientes Geld? Mitnichten

Ein weiteres Vorurteil: Als Influencer verdient man leicht und schnell viel Geld. Viele Kinder und Jugendliche können nicht abschätzen, wie viel Arbeit hinter den Videos und Postings steckt und dass es Risiken und Schattenseiten gibt. «Eltern sollten sich gemeinsam mit den Kindern auf den Weg machen und hinter die Kulissen blicken», sagt Iren Schulz von der Initiative «Schau Hin! Was Dein Kind mit Medien macht.». Denn Kinder durchschauen noch nicht, was es heißt, eine Kindheit online stattfinden zu lassen, sowohl heute als auch in Zukunft.

Für den Blick hinter die Kulissen helfen Informationen und Infografiken von Klicksafe, die Seiten von «Schau Hin!» oder die Handlungsempfehlungen der Kommission für Jugendmedienschutz. Auch einige Creator wie Joey’s Jungle erzählen offen von ihren Herausforderungen im Umgang mit Social Media oder warum sie diesen Beruf letztendlich aufgegeben haben. Das können gerade für Kinder und Jugendliche glaubwürdige Quellen sein.

Viele Influencer berichten Woldemichael zufolge von einer exzessiven Social Media-Nutzung aufgrund des Drucks, ständig Inhalte produzieren zu müssen und die Konkurrenz im Blick zu behalten. Einige sind auf mehreren Plattformen unterwegs, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Das heißt, es müssen viele verschiedene Kanäle mit Content bespielen und dann noch Community Management betrieben werden. 

Die Folgen: Burnout, psychische Störungen oder eine verzerrte Wahrnehmung wegen Desinformation. Dazu kommt, dass die Videos früher sehr einfach gestaltet waren, heute aber viel aufwendiger produziert werden. Das heißt, es ist eine bessere Ausstattung und technisches Verständnis vonnöten.

Welche Alternativen kann ich meinem Kind bieten?

Eine Möglichkeit besteht darin, alternative Lösungen finden, um dem kreativen Wunsch des Kindes nachzukommen, ohne alles gleich öffentlich zu machen. Suchen Sie gemeinsam nach analogen Aktivitäten in einem geschützten Rahmen. «Bei Grundschülern ist alles außerhalb des Internets ein geschützter Raum», sagt Woldemichael. Die Social-Media-Plattformen sind offiziell ab 13 Jahren zugänglich.

Sie könnten Freunde und Freundinnen einladen und Fotos oder Videos machen, wie die Kids sich verkleiden, diese aber nicht veröffentlichen. «Das kann man dann auch mal den Großeltern zeigen», schlägt Woldemichael vor. Videoinhalte begleitet zu erstellen, stärkt die Medienkompetenz der Kinder. «Man muss die Kinder ohnehin heranführen, sie wachsen digital auf, das lässt sich nicht ändern», sagt Woldemichael. 

Auch WhatsApp kann als Plattform dienen

Wichtig: Die Videos oder Fotos sollten nicht über Messenger-Dienste geteilt werden. Sind sie einmal im Netz, hat man keinen Einfluss mehr darauf, was damit passiert. Obwohl offiziell erst ab 13 Jahren erlaubt, haben bereits sehr viele Kinder WhatsApp – es ist laut Woldemichael der am häufigsten genutzte Dienst bei Grundschulkindern. 

Durch Kanäle funktioniere er zunehmend wie eine Plattform, auch Kinder können solch einen Kanal eröffnen. Dieser ist zwar nicht über die Suche zu finden, aber das Kind kann Einladungslinks an Freunde verschicken und so Follower generieren.

Schulz schlägt vor, die Social-Media-Kanäle im Laufe des Aufwachsens durchaus zu nutzen, aber gut zu überlegen, was zu sehen ist, auch an persönlichem Kontext wie Klarnamen, Adresse oder Telefonnummer. «Vielleicht kann das Hobby oder das Produkt im Vordergrund stehen», sagt Schulz. Die Inhalte können über einen Erwachsenen-Kanal laufen, auf den nur ausgewählte Kontakte Zugriff haben und der privat und sicher eingestellt ist.

Klar ist: Je älter die Kinder werden, desto mehr werden sie Social Media nutzen wie sie wollen. «Deshalb ist es so wichtig, einen guten Draht und eine gute Beziehung zu haben, damit die Kinder nicht heimlich aktiv werden oder, wenn etwas schiefläuft, mit ihren Sorgen zu den Eltern gehen», sagt Schulz.

Denn schieflaufen kann einiges. Die unschönen Seiten des TikTok-Fames müssen Eltern auch verdeutlichen. Dazu gehören Hasskommentare, Mobbing und anzügliche Äußerungen von Personen mit sexuellen Absichten bis hin zu sexueller Belästigung.

Diesen Artikel teilen

Die Kommentare sind geschlossen.

Money DAy
Anzeige
Courage 01/26 Petkovic

Neue Ausgabe

Ein Grand-Slam-Sieg blieb Andrea Petković in ihrer Tenniskarriere verwehrt. Doch dafür hat sie etwas noch Wertvolleres gewonnen: Resilienz. Denn oft war die achtfache WTA-Turniersiegerin verletzt. Monatelang kämpfte sie nach einem Kreuzbandriss gegen die Schmerzen – und für ein Comeback. Mit Erfolg. „Schwierige Phasen machen dich widerstandsfähiger“, sagt sie heute. Im Interview spricht sie zudem über die Folgen ihrer frühen Flucht aus Jugoslawien, ihre Geldanlagen und ihre neue Leidenschaft – das Schreiben.