Julia Ju: „Finanzielle Performance korreliert mit Diversität“

Foto: Dr. Julia Ju (Foto: privat)
Foto: Dr. Julia Ju (Foto: privat)

Julia Ju ist Senior Vice President eines Schweizer Industriekonzerns. Zudem fördert sie Frauen, Diversität sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in deutschen Unternehmen. Was Diversität bringt und was Ju eigentlich darunter versteht – das wollte Courage von der neuen Generation-CEO-Netzwerkerin wissen.   

Courage hat bereits hier über das Netzwerk Generation CEO e.V. und den Auswahlprozess berichtet. In den kommenden Wochen stellen wir Euch alle 13 Top-Managerinnen in einer Serie vor – jeweils am Freitag!

Courage: Der Begriff Diversität ist weit verbreitet. Aber er hat für verschiedene Menschen recht unterschiedliche Bedeutungen. Manche verstehen demografische Vielfalt darunter, andere eher erfahrungsbezogene oder auch kognitive Vielfalt, wie wir also an Probleme herangehen. Wie definieren Sie Diversität?

Julia Ju: Für mich ist Diversität multidimensional und mehr das Ziel und Ergebnis als der Zweck. Wenn wir es schaffen, ein inklusives Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen in ihrer kognitiven, visuellen und sozialen Vielfalt willkommen fühlen, dann haben wir Diversität erreicht.

Bei Diversität konzentrieren wir uns oft auf Themen wie die Frauenquote. Weniger diskutiert wird Diversität im Zusammenhang mit einem guten Mix an Altersgruppen. Wie ist die Altersstruktur in Ihrem Unternehmen?

Wir haben eine sehr gemischte Altersstruktur auf allen Hierarchieebenen, angefangen von Mitarbeitenden, die bereits über 30 Jahre im Unternehmen tätig sind, bis hin zu den Auszubildenden. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass dies ebenfalls maßgeblich zum Erfolg von Teams beiträgt.

Es hat sich gezeigt, dass Unternehmen mit einer hohen Diversität im Schnitt tatsächlich überdurchschnittlich profitabel sind. Können Sie das auch in Ihrem Unternehmen „messen“?

Absolut, es fängt bei der Unternehmenskultur an, die entscheidend von diversen Teams profitiert. Eine Unternehmenskultur ist die Grundlage für gegenseitiges Vertrauen und leistungsstarke Teams, die wiederum zu überdurchschnittlichen Leistungen führen. Die Unternehmen, die ich kennenlernen durfte, waren nicht nur finanziell erfolgreich – sie hatten auch eine einzigartige und vielfältige Unternehmenskultur. Für mich besteht eine starke Korrelation zwischen finanzieller Performance und Diversität.

Trägt Homeoffice zu Diversität und Integration im Unternehmen bei?

Ich persönlich denke, dass Home-Office sowohl Vorteile als auch Herausforderungen mit sich bringt. Die soziale Zugehörigkeit zu einem Team und aktive Integration ist eine der Herausforderungen des Home-Office.

Weltweit tragen Frauen meist die Hauptlast bei der Betreuung von Familienmitgliedern. Das macht es für sie besonders schwierig, in Führungspositionen zu gelangen. Kann man dieses Problem als Unternehmen lösen?

Als Unternehmen kann man viel dazu beitragen, um Familien und vor allem Frauen zu entlasten und aktiv zu unterstützen – vor allem im Dialog mit den Mitarbeiter:innen. Statistisch gesehen sind die 30er Jahre entscheidend für den weiteren Karriereweg – diese Zeit wird meist auch von der Familienplanung dominiert. Ich hatte auf meinem Karriereweg Förderer, die mir einen Vertrauensvorschuss gegeben haben – das ist immens wichtig. Aber ich habe auch aktiv meine Ambitionen geteilt und Chancen ergriffen, die andere in ähnlichen Familiensituationen abgelehnt haben.

Sie haben selbst einen sehr diversen Hintergrund als Mutter und Managerin mit Migrationshintergrund. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht und welche Ratschläge würden Sie Frauen in ähnlichen Situationen mitgeben?

Ich bin in Österreich zu einer Zeit aufgewachsen, in der Mädchen noch verpflichtend stricken und Jungs Werken lernen mussten. Auf meine Frage, warum, antworte die Lehrerin, dass man das brauche, um eine gute Hausfrau zu werden. Mir war schon früh klar, dass das nicht mein Weg ist, aber auch, dass ich zu einer Minderheit gehöre und daher mit Vorurteilen konfrontiert werde und mir das Vertrauen, hart erarbeiten muss. 

Mein Rat ist, den eigenen diversen Hintergrund als eine Superpower zu sehen. Ich selbst habe viel zu lange versucht, mich so gut wie möglich zu assimilieren, um nicht aufzufallen, und habe meinen Hintergrund als eine Schwäche gesehen – aber das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein Segen, automatisch mit verschiedenen Kulturen und Sprachen aufzuwachsen und dies bewusst zu leben und als Stärke anzuerkennen, ist viel erfolgsversprechender, als sich der Mehrheit anzupassen.  

Zur Person: Dr. Julia Ju ist Senior Vice President und Global Head Commercial Excellence Chemtech eines Industriekonzerns mit Sitz in Winterthur. Zuvor war sie Chief Marketing & Chief Strategy Officer bei Körber Pharma, einem Technologieunternehmen mit Sitz in Hamburg. Julia Ju sieht den Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Umsetzung einer neuen B2B-Marketing-Strategie und im Exekutieren von Commercial Excellence Themen. Darüber hinaus engagiert sie sich als Mentorin, ist Teil des globalen CMO Clubs und verschiedener Karrierenetzwerke zur Förderung von Frauen, Diversität und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in deutschen Unternehmen. Ju promovierte an der LMU in München, am Max-Planck-Institut und in Stanford und arbeitete anschließend gut vier Jahre als Strategieberaterin bei Bain & Company in München und Berlin. Anschließend war sie bei der Hilti AG in Liechtenstein in der Konzernstrategie und im strategischen Marketing tätig.

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