Sie nennt es „ein Projekt zum Glücklichsein“: Top-Ökonomin Annamaria Lusardi gibt Finanzratschläge für Frauen – und appelliert an den Willen zum Reichtum. Ein Interview über frühe Finanzbildung, fragwürdige Berater und die Krux mit den Gehaltsgesprächen.
von Karin Finkenzeller
Angenommen, eure Bank gewährt euch einen Zinssatz von einem Prozent für ein Sparkonto und die Inflation beträgt zwei Prozent. Ist eure Kaufkraft dann nach einem Jahr gleich geblieben, höher oder niedriger? Wenn die Antwort nun wie aus der Pistole geschossen „niedriger“ lautet: Glückwunsch! Falls ihr grübeln musstet, seid ihr nicht allein. 35 Prozent der EU-Bürger haben Studien zufolge Probleme mit dieser Frage – Frauen deutlich mehr als Männer. Auch hierzulande, wo die Bevölkerung bei der Finanzkompetenz nur einen Platz im vorderen Mittelfeld in der EU belegt. Woher das kommt und wie wir zu mehr Basiswissen über Geld gelangen, weiß die italienische Top-Ökonomin Annamaria Lusardi von der renommierten Stanford University. Die Einstiegsfrage stammt aus ihrem „ABC of financial literacy“.
Courage: Frau Lusardi, Sie forschen seit 20 Jahren zum Thema finanzielle Allgemeinbildung („financial literacy“). In Deutschland können weniger als 60 Prozent der Menschen drei grundlegende Finanzfragen korrekt beantworten, und in der gesamten EU beträgt die Wissenslücke zwischen Männern und Frauen 18 Prozentpunkte. Wie kann das sein?
Annamaria Lusardi: Das ist das Ergebnis fehlender Früherziehung in der Schule. Es ist schwer, sich diese Dinge als Erwachsener selbst anzueignen, vor allem für Frauen, die zwar oft die Haushaltskasse verwalten, aber seltener Entscheidungen von größerer Tragweite treffen, wie Geldanlagen oder einen Hauskauf. Die Folgen sind gravierend: Studien zeigen, dass Finanzkompetenz zu einem besseren Umgang mit Geld führt. Nicht nur bei der Zukunftsplanung, Investments am Aktienmarkt oder dem Schuldenmanagement, sondern auch bei der Absicherung für Notlagen.
Kann man Finanzkompetenz genauso lernen wie Lesen?
Man sollte sogar. Es ist ein Grundwissen, das wir alle brauchen. Wie das Alphabet.
Viele Lehrkräfte in Deutschland wehren sich dagegen, den Kapitalismus ins Klassenzimmer zu holen.
Es geht darum, wie sich junge Menschen für ihre Zukunft aufstellen. Wenn sie aus Fehlern lernen müssen, ist das nicht nur ineffizient und mitunter teuer, sondern führt womöglich zu ernsten Schwierigkeiten. In der Schule erreichen wir zudem alle, ungeachtet der sozialen Herkunft. Wenn wir uns dagegen allein auf die Eltern verlassen, zementieren wir soziale Ungleichheiten.
Wie können Erwachsene den Rückstand aufholen?
Wir brauchen spezielle Angebote, vor allem für Frauen. Sie sollten seriös sein, aber gleichzeitig Spaß machen. Eine Zeitschrift wie Courage ist eine gute Möglichkeit. Genauso wie Frauen sich über die neuesten Modetrends, über Kindererziehung oder Karrierechancen informieren, können sie Finanzkompetenz erwerben. Da gibt es noch nicht so viel. Deshalb führt das häufig dazu, dass sie im Internet auf selbst ernannte Experten stoßen oder Freunde und Freundinnen fragen. Die wissen aber oft auch nicht mehr.
In Deutschland kennen zwar alle die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau, aber auf zwei männliche Aktionäre kommt nur eine Aktionärin.
Die Verwaltung der täglichen Bedürfnisse erhöht nicht unbedingt die Finanzkompetenz. Deshalb sind Frauen auch nicht mit dem Fachjargon vertraut, was wieder um oft zu der Selbsteinschätzung führt, sie hätten keine Ahnung. Wenn in unseren Multiple-Choice-Tests zur Finanzkompetenz die Antwort „Weiß ich nicht“ eine Option ist, kreuzen sie deutlich mehr Frauen als Männer an.
Steckt in der Verwendung von Fachjargon womöglich die Absicht einer männlich dominierten Finanzwelt?
Ich glaube nicht, dass eine bewusste Diskriminierungsabsicht dahintersteckt. Die Finanzwelt von heute ist viel komplizierter als vor 20 Jahren. Aber ja, wir müssen berücksichtigen, dass viele Frauen deren Sprache noch nicht beherrschen. Es ist wie eine Fremdsprache, die sie erst lernen müssen. Sie müssen darin nicht perfekt werden, aber zumindest Grundkenntnisse erlangen. Ein Mangel an Finanzkenntnissen kommt sie teuer zu stehen.
Sie nennen das eine Strafsteuer für Unwissende.
Wir haben dazu Daten von finanziell schlechter gestellten Menschen, Frauen und Männern. Sie vergleichen keine Angebote und leihen sich oft Geld zu unnötig hohen Zinssätzen. Sie refinanzieren auch nicht, wenn die Zinsen sinken. Gerade Menschen, die es besonders nötig hätten, treffen oft die schlechteren Entscheidungen.
Stimmt es, dass Finanzberater Frauen teurere und weniger renditestarke Produkte anbieten als Männern?
Ich selbst habe solche Untersuchungen nicht gemacht, aber ich habe welche zu Deutschland gesehen, die das bestätigen. Deshalb rate ich zur Vorsicht, wenn Frauen sagen, sie müssten keine Finanzkompetenzen aufbauen, sie hätten ja Berater. Aus einem Berater müssen sie das meiste herausholen können. Dazu müssen sie zumindest die richtigen Fragen stellen.
Wann hat Ihre persönliche Finanzbildung begonnen?
Glücklicherweise schon sehr früh. Meine Eltern sprachen offen über Geld. Wir drei Schwestern hatten jede ein Sparschwein für Taschengeld und Geldgeschenke zu Geburtstagen. Ich erinnere mich daran, dass wir uns untereinander Geld liehen, ich zum Beispiel, als ich einen Hund und eine Hundehütte kaufen wollte.
Sie plädieren dafür, Kinder auch für Arbeiten im Haushalt zu bezahlen. Bleibt da nicht der Solidaritätsgedanke auf der Strecke? Denn dann geht es letztlich um die Frage: Was springt für mich dabei raus?
Ich sage nicht, dass Kinder für jeden Handgriff bezahlt werden sollten. Aber ab und an sollten Eltern auch klarmachen, dass Geld verdient werden muss. Und dass man es ansparen kann und dafür einen Bonus bekommt. Warren Buffett und Charles Schwab (bekannte US-Investoren und Milliardäre, Anm. d. Red.) zum Beispiel haben oft erzählt, dass sie als Kinder solche Arbeiten übernommen haben. Sie waren schon sehr früh unternehmerisch unterwegs.
Viele hiesige Finanzprodukte für Frauen konzentrieren sich auf die düstere Prophezeiung, dass ohne Vorsorge ein Lebensabend in Armut droht. Wie wäre es stattdessen mit der Aussicht auf Wohlstand oder gar Reichtum in der Lebensmitte?
In den USA ist das ein bisschen anders. Es scheint aber tatsächlich die Vorstellung zu geben, dass Frauen weniger Interesse an Reichtum haben als Männer. Weil sie sich um andere kümmern, die Kinder, die alten Eltern, um Bedürftige. Die Vermeidung von Altersarmut sollte der Mindestanspruch sein. Und Frauen sollten so ehrgeizig und selbstbewusst sein zu sagen: Ich will reich sein! Wenn sie einen Mann fragen, wird er genau das antworten. Frauen äußern das vielleicht nicht so offen, aber wir alle wollen doch zumindest in der Lage sein, im Leben eine Wahl zu treffen. Das bedeutet für mich Reichtum. Deshalb müssen wir frühzeitig über Geld reden.
Sollte denn auch die Berufswahl mit Blick auf spätere Verdienstmöglichkeiten getroffen werden?
Das ist eine schwierige Frage. Auch Vorlieben und Talente spielen eine wichtige Rolle. Ich würde keine gute Programmiererin abgeben. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Einkommen verbunden sind. Manchmal beobachte ich mit Sorge, dass junge Menschen einen Weg einschlagen, wo es sehr wenige Jobs oder nur sehr schlecht bezahlte gibt. Andererseits heißt es, 70 Prozent aller Berufe der Zukunft würden heute noch gar nicht existieren. Insofern könnten sogar Geisteswissenschaftler wieder gute Chancen haben als kritische Denker.
Aktuell werden in vielen Branchen Jobs abgebaut. Zudem bügeln viele Arbeitgeber die Frage nach mehr Gehalt mit Verweis auf die schwierige Lage ab. Da fällt es gerade Frauen schwer, in Gehaltsgesprächen selbstbewusst aufzutreten. Wie können wir sie ermutigen?
In meinen Kursen zur Finanzkompetenz haben wir Gehaltsverhandlungen bewusst integriert. Sie sind Voraussetzung für finanzielle Entscheidungen. Ich sage immer: Im Leben bekommt ihr nicht, was ihr verdient, sondern was ihr aushandelt. Das gilt derzeit noch mehr als früher. Es ist hart, sicher, aber wirklich wichtig. Ich überzeuge gern mit einer Zahl: Über das gesamte Berufsleben hinweg und beinahe egal mit welcher Ausbildung und in welchem Beruf verdienen Frauen in den USA fast eine Million Dollar weniger als Männer.
In Deutschland genauso wie den USA steigt der Gender-Pay-Gap vor allem ab einem Alter von 30 Jahren rapide an. Also meist dann, wenn Kinder ins Spiel kommen.
Finanzkompetenz ist kein Allheilmittel. Sie garantiert nicht, dass es einem automatisch besser geht. Wenn Kinder kommen, gehen Frauen öfter in Teilzeit und werden dann nicht mehr befördert. Und nicht nur dann. Die Tatsache, dass wir immer länger leben, führt auch dazu, dass viele von uns sich zu einem Zeitpunkt um alte Eltern kümmern, wenn wir gerade auf dem Höhepunkt der Karriere sein wollen.
Standen Sie selbst auch schon vor dem Problem, bezahlte und Care-Arbeit unter einen Hut bringen zu müssen?
Ja, mein Vater war lange sehr krank. Meine Schwestern und ich wechselten uns reihum ab, meine Mutter in Italien bei der Pflege zu unterstützen. Ich konnte meine Lehrtätigkeit und andere Verpflichtungen glücklicherweise entsprechend organisieren, bis er ständige medizinische Betreuung in einem Heim brauchte.
Mehr und mehr Akademikerinnen entscheiden sich inzwischen bewusst gegen Kinder, um beruflich keine Kompromisse eingehen zu müssen.
Das ist ein Desaster für die Gesellschaft. Aber es ist eben enorm schwierig, all diese Anforderungen unter einen Hut zu bekommen. Der Arbeitsmarkt ist noch zu oft auf sehr flexible Arbeitskräfte ausgerichtet, die keine oder kaum Care-Arbeit übernehmen. Also meist Männer. Unter diesen Bedingungen sind Frauen immer benachteiligt. Das ist aber keine Frage von Finanzkompetenz. Dazu müssen wir das System ändern.
Wie lässt sich dieses System ändern, das sich über Jahrhunderte entwickelt hat?
Ich wünschte, ich hätte darauf eine einfache Antwort. Ein guter Anfang ist aber die Vermittlung von Finanzwissen in der Schule – eine wesentliche Fähigkeit für das 21. Jahrhundert.