Rentenplanung: Happy End

Foto: DEEPOL by plainpicture/Uwe Umstätter
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Wie lange reichen 400.000 Euro Vermögen im Ruhestand? Und wie schaffen wir es überhaupt, unsere Rentenlücke zu schließen? Drei Musterfälle zeigen, wie frau genug Geld fürs Alter anspart.

von Jennifer Spatz

Hier etwas in Aktien investiert, dort eine private Rentenversicherung, und außerdem ist da ja noch die Immobilie. Die finanziellen Aussichten für den Ruhestand könnten schlimmer sein. Aber reicht der Mix wirklich fürs Alter? Das ist trotzdem schwer abzuschätzen. Es hängt nämlich von vielen Faktoren ab: Wie hoch sind die Ansprüche aus der gesetzliche Rentenversicherung? Gibt es noch eine betriebliche Altersvorsorge? Welchen Lebensstil hat sich die Person angewöhnt, und wie viel Geld braucht sie dafür im Monat? Wohnt sie zur Miete oder im abbezahlten Eigentum? Und gibt es weitere Einkünfte, etwa aus Vermietung oder Unternehmensanteilen?

All diese individuellen Fragen sind für den Kapitalbedarf im Alter relevant. Deshalb sind pauschale Aussagen oft schwer auf die eigene Situation zu übertragen. Hinzu kommen Faktoren, die sich gar nicht beeinflussen lassen, allen voran die Inflation. Courage hat deshalb drei Beispielfälle entworfen: drei Frauen, die in verschiedenen Lebenslagen sind, unterschiedliche Berufe und Erwerbsbiografien und jeweils auf andere Weise vorgesorgt haben. Wie viel Geld brauchen diese Frauen, um zum Wunschdatum in Rente zu gehen, und was müssen sie dafür tun? Das hat Courage gemeinsam mit Con­stanze Hintze analysiert, der Geschäftsführerin der Frauenfinanzberatung Svea Kuschel und Kolleginnen. Drei Rechenbeispiele, aus denen man viel für sich ableiten kann …

Foto: plainpicture/Frauke Thielking

Das ist Sabine

Eigentlich hat Sabine großen Spaß an ihrem Job. Die 50-Jährige ist seit mehr als 20 Jahren beim gleichen Arbeitgeber als Laborassistentin tätig und hat ein tolles Team um sich. Das Gehalt könnte besser sein, 3600 Euro bekommt sie brutto im Monat. Netto bleiben ihr rund 2400 Euro. Damit kommt sie jedoch gut aus. Außerdem hat sie zwei Wohnungen geerbt. Eine vermietet sie für eine Kaltmiete von 400 Euro im Monat, die Einnahmen spart sie. In der anderen lebt die Laborassistentin allein. Die Kosten für die Immobilien sind in den monatlichen Lebenshaltungskosten eingerechnet. Sabine ist eher vorsichtig, geht mit ihren Finanzen behutsam um – so wie auf ihrer Arbeit mit den Proben. Die 100.000 Euro Bargeld, ebenfalls aus ihrem Erbe, hat sie deshalb auf einem Tagesgeldkonto gebunkert. Fürs Alter zahlt sie in eine private Rentenversicherung ein. Sabine will pünktlich mit 67 Jahren in Rente gehen.

Bestandsaufnahme

„Erst mal würde ich ihr sagen, dass sie schon vieles richtig gemacht hat“, sagt Hintze. „Es ist sehr gut, dass sie einen Vorsorgevertrag abgeschlossen hat.“ Aber wenn wir annehmen, dass Sabine ihr Gehalt ansonsten komplett ausgibt, hat sie noch eine Rentenlücke. „Mit ihrem aktuellen Gehalt wird sie wahrscheinlich mal eine Rente von 1500 Euro im Monat bekommen – das reicht also nicht aus“, so die Expertin. Aber das sei kein Problem. Schließlich hat Sabine noch 17 Jahre bis zur Rente, die sie voll nutzen kann.

Was Sabine jetzt tun sollte

Das Wichtigste: Sabine muss bei ihrer Geldanlage mehr Risiko wagen und nicht nur auf Tagesgeld, sondern auch auf Aktien setzen. Zusätzlich sollte sie ihre Sparrate erhöhen. Denn wenn sie heute rund 2400 Euro im Monat benötigt, braucht sie mit durchschnittlichen zwei Prozent Inflation bei ihrem Renteneintritt schon 3360 Euro. Das schafft sie nicht allein mit der privaten und gesetzlichen Rente. Würde Sabine die 100.000 Euro einfach weiter auf dem Tagesgeldkonto lassen, hätte sie bis zum Ruhestand nur 140.000 daraus gemacht – und das auch nur, wenn der Tagesgeldzins bei durchschnittlich zwei Prozent liegt. Die Inflation mit eingerechnet, bringt ihr das also nichts. Außerdem sollte Geld auf einem Tagesgeldkonto eine reine Notreserve sein. „Sabine sollte daher nur 20.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto belassen und die übrigen 80.000 Euro in Aktienfonds anlegen“, empfiehlt Hintze. Zusätzlich zahlt sie jeden Monat die 400 Euro aus ihren Mieteinnahmen in einen Sparplan ein. „Da können wir durchaus eine Rendite von durchschnittlich fünf Prozent im Jahr annehmen, dann kommt sie bis zur Rente auf ein Vermögen von 374.500 Euro.“ Davon könnte Sabine später rund 1500 Euro monatlich entnehmen, und ihr Geld würde bis zu ihrem 97. Geburtstag reichen – wenn sich der Aktienmarkt durchschnittlich weiterentwickelt. Und wenn die Inflation bei rund zwei Prozent im Jahr verharrt. Mit diesem Finanzpolster ist Sabine sehr gut ausgestattet. Rein statistisch liegt die Lebenserwartung der jetzt 50-Jährigen bei rund 84 Jahren – sie hat also reichlich Puffer, sogar wenn sie deutlich älter werden sollte als der Durchschnitt.

Aufmerksam sollte Sabine allerdings auch in der Entsparphase bleiben – und stets schauen, ob es sich gerade anbietet, Aktien in kleineren Portionen zu verkaufen und in risikoärmere Anleihen umzuschichten. Da sie spät mit der Aktienanlage begonnen hat, muss sie auch spät im Berufs­leben stark auf diese Anlageklasse setzen, um noch möglichst viel Rendite rauszuholen. Deshalb muss sie ihr Depot im Alter aktiver managen, um das Risiko zu senken.

„Wenn wir jetzt noch davon ausgehen, dass die private Rentenversicherung rund 200 Euro im Monat ausschüttet, haben wir die Rentenlücke schon fast geschlossen“, so Hintze. Noch besser wäre es natürlich, wenn Sabine vor dem Ruhestand schaut, ob sie ihre Lebenshaltungskosten nicht etwas senken und dafür die Sparrate aufstocken kann. So könnte sie sich ein größeres finanzielles Polster erarbeiten, mit dem sie in der Rente besser gegen Marktschwankungen gewappnet ist. Und abschließend noch ein Finanztipp für den Job: Die Laborassistentin sollte versuchen, ihr Gehalt öfter zu verhandeln. Vielleicht kann sie mit ihrem Erfahrungsschatz ja auch eine Leitungsposition übernehmen.

Foto: plainpicture/Frauke Thielking

Das ist Polina

Kurz nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau hat Polina ihren späteren Mann Alexander kennengelernt. Er hat es bei seinem Arbeitgeber schnell nach oben geschafft und verdient so gut, dass Polina zu Hause blieb, sich um den Haushalt und ihre pflegebedürftige Mutter kümmerte. Nebenbei hat sie immer wieder mit einer Fotokamera experimentiert, sich viel in die Technik eingelesen und war längst gefragte Fotografin in ihrem Freundes- und Familienkreis. Verdient hat sie damit zunächst aber nichts. Jahrelang hatten Polina und ihr Mann versucht, Kinder zu bekommen. Wenn der Test mal wieder negativ war, stritten die beiden oft. Mit 42 Jahren zog sie einen Schlussstrich. Polina und Alexander hatten sich auseinandergelebt, der unerfüllte Kinderwunsch hatte ihre Ehe zu sehr belastet. Nach ihrer Scheidung blühte Polina noch mal richtig auf. Sie zog in eine Mietwohnung in Düsseldorf, für die sie warm aktuell 1300 Euro im Monat zahlt. Außerdem hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. 

Mittlerweile ist die nun 62-jährige Polina eine gefragte Fotografin, besonders auf Hochzeiten, aber sie bekommt auch andere Aufträge. Ans Aufhören denkt sie noch nicht. Nach Steuern, Versicherungsbeiträgen und Co bleiben ihr 5000 Euro im Monat zum Leben. Außerdem bekommt sie monatlich 800 Euro aus dem Unterhalt, später in der Rente dann Versorgungsausgleich von ihrem Ex Alexander. Wann immer Polina Zeit hat, unternimmt sie Kurztrips oder plant Reisen. Zusätzlich zur Miete gibt sie im Monat rund 2500 Euro aus. Bleibt ein Überschuss von 2000 Euro. Die legt sie an. So hat sie sich seit der Scheidung ein Finanzpolster von 230.000 Euro angespart, zur Hälfte in Aktienfonds und ETFs, zur anderen Hälfte in Anleihen.

Bestandsaufnahme

„Super, dass Polina die Kurve bekommen und eine zweite Karriere angestrebt hat“, sagt Finanzberaterin Hintze. „Das hat ihr auf jeden Fall finanziell geholfen, aber sie muss noch eine ganze Weile weiterarbeiten.“ Denn ihr bisher Erspartes reicht nicht für die Rente – zumindest nicht, wenn Polina sich nicht sehr einschränkt. 

Was Polina jetzt tun sollte

Zuerst sollte Polina ihre Selbstständigkeit optimieren, um höhere Einnahmen zu erzielen. Das heißt: Honorare anheben, Partnerschaften mit Studios oder anderen Kolleginnen eingehen, um Kosten zu sparen. Außerdem könnte sie versuchen, ein paar Jobs an Land zu ziehen, die regelmäßig Geld einbringen, wie Eventfotografie und das Schießen von Personalfotos für große Unternehmen.

„Und was Polina am Ende des Monats übrig hat, legt sie weiterhin in ETFs und Anleihen an“, empfiehlt Hintze. „Es ist wichtig, dass sie an ihren Investments dranbleibt und sie weiter bespart, solange sie voll arbeitet.“ Ab ihrem 70. Geburtstag könnte die Fotografin dann langsam reduzieren. „Wir wissen jetzt ja noch nicht, wie fit Polina dann ist“, sagt die Finanzberaterin. „Aber es wäre gut, wenn sie zumindest noch ein paar Aufträge im Monat annimmt, so lange es geht.“ Mit dem Geld aus dem Versorgungsausgleich, den – wenn auch geringen – Ansprüchen aus der gesetzlichen Rente, den geringen Einnahmen, die sie später noch hat, und ihrem Ersparten sollte Polina auf jeden Fall bis zu ihrem 90. Geburtstag auskommen. Wenn sie jetzt etwas zurückschraubt, vielleicht in eine kleinere Wohnung zieht oder ein paar Reisen weniger unternimmt, reicht das Geld natürlich länger.

Foto: plainpicture/Hollandse Hoogte

Das ist Maureen

Maureen hat alles, was sie sich jemals erträumen konnte. Die 38-Jährige ist Chief Technology Officer (CTO) in einem mittelständischen Betrieb, seit sechs Jahren mit ihrer Liebsten Julia verheiratet und hat einen fünfjährigen Sohn. Die drei leben in einem Einfamilienhaus im Schwarzwald. Das hat Maureen von ihrem Erbe gekauft. Weil das allein nicht ganz gereicht hat, hat sie den Rest mit einem Kredit finanziert, den sie noch abbezahlt. Noch dazu besitzt sie zwei Wohnungen, die sie vermietet. 1800 Euro kommen im Monat an Kaltmiete dabei herein. Als CTO verdient Maureen im Monat 11.000 Euro brutto. Davon spart sie monatlich einen kleinen Teil, 80.000 Euro hat sie schon in Aktien und ETFs investiert. Auf einem Tagesgeldkonto liegen weitere 60.000 Euro. Wenn es geht, will sie gern schon mit 60 aufhören zu arbeiten, um sich dann ihrer Familie, ihren Hobbys und vielleicht auch einem Ehrenamt widmen zu können. Ihre Frau Julia ist Erzieherin und arbeitet Teilzeit, weil sie sich um den gemeinsamen Sohn kümmert. Julia hat kein finanzielles Polster und ist nicht Miteigentümerin der Immobilien. Gemeinsam gibt das Paar im Monat rund 6000 Euro aus und führt ein gutes Leben.

Bestandsaufnahme

„Nach aktuellem Stand muss sich Maureen keine Sorgen machen“, sagt Finanzberaterin Hintze. Mit ihrem Gehalt wird sich die CTO eine gute gesetzliche Rente aufbauen, zusätzlich hat sie bereits eine ordentliche Absicherung mit den Immobilien und hat angefangen zu investieren. Bei Julia sieht es hingegen schlechter aus.

Was Maureen jetzt tun sollte

Als Erstes sollte Maureen versuchen, ihre Steuerlast zu senken, empfiehlt Hintze. „Am einfachsten geht das mit einer betrieblichen Altersvorsorge. Sie könnte zum Beispiel gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber eine Unterstützungskasse aufbauen.“ Der Vorteil bei dieser ist, dass die Einzahlungen in unbegrenzter Höhe steuerfrei sind – perfekt für die CTO. Die Beiträge für die Unterstützungskasse gehen direkt von Maureens Brutto ab, sie zahlt damit also weniger Steuern auf ihr Einkommen.

Zusätzlich sollte Maureen versuchen, schnell ihren Kredit abzubezahlen. Wenn sie zum Beispiel einen Bonus oder Weihnachtsgeld bekommt, kann sie das direkt für eine Sondertilgung nutzen. So spart sie sich Zinsen. „Da Maureen jung ist, sollte sie auf eine hundertprozentige Aktienstrategie setzen“, sagt die Finanzberaterin. „Es reicht, wenn sie 20.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto belässt, den Rest und was monatlich übrig bleibt, sollte sie investieren.“ Für genaue Zahlen ist es noch zu früh, aber wenn Maureen so weitermacht, stehen die Chancen gut, dass sie mit 60 in Rente gehen kann. Die ersten Jahre muss sie dann aber komplett aus der eigenen Kasse stemmen. Denn die Rente aus der Unterstützungskasse kann sie frühstens mit 63 Jahren abrufen, die gesetzliche Rente aller Voraussicht nach nicht vor 65.

Aber es gibt noch ein weiteres großes To-do für das Ehepaar: „Mandantinnen wie Maureen und Julia habe ich immer wieder bei mir“, sagt Hintze. „Der größte Wunsch solcher Paare ist die Absicherung der Person, die weniger verdient.“ Die beiden sollten also einmal das Vollprogramm durchgehen: Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Testament – besonders weil das Vermögen so ungleich verteilt ist. Auch ein nachträglicher Ehevertrag könnte sinnvoll sein. „Zusätzlich sollte Maureen über frühzeitige Schenkungen an Julia nachdenken, damit die Steuerlast im Erbfall nicht so hoch ist“, empfiehlt die Finanzberaterin. Außerdem könnte Maureen eine Risikolebensversicherung mit Julia als Begünstigte abschließen. Und damit ihre Ehefrau auch im Alter gut versorgt ist und als Ausgleich für die Care-Arbeit, sollte Maureen in eine eigenständige Altersvorsorge für Julia einzahlen, so Hintze. „Ich rate hier zu einer klassischen privaten Rentenversicherung. Im besten Fall als aktienorientierte Fondspolice.“ Vorteil einer Versicherung gegenüber einem ETF-Sparplan: Bei einem finanziellen Engpass gerät man nicht so schnell in Versuchung, das angesparte Geld anzutasten und anderweitig auszu­geben. Dafür bringt der ETF-Sparplan allerdings in der Regel mehr Rendite, weil die Kosten viel geringer sind. Hier kann jede Frau für sich selbst entscheiden, was für sie die passendere Anlage ist. Befolgen die beiden diese Ratschläge, sind sie gut aufgestellt. Da die Lage bei einem hohen Vermögensungleichgewicht aber immer etwas vertrackt ist, sollte das Paar sich beraten lassen und einen Anwalt oder eine Anwältin aufsuchen, um einen Ehevertrag aufzusetzen.

Nicht die Inflation vergessen!

Beim Check des benötigten Kapitals fürs Alter muss immer die Inflation berücksichtigt werden. Geld verliert laufend an Wert. Angenommen, Sie haben heute genug für ein schönes Leben und können sich alles leisten, dann kann das mit dem gleichen Budget in ein oder zwei Jahrzehnten schon ganz anders aussehen. Die Tabelle zeigt, wie viel mehr man in zehn Jahren braucht, um den Lebensstandard zu erhalten.

 

Quelle: eigene Berechnungen
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