Von der Konzernmanagerin zur Professorin

Foto: Privat Dr. Julia Daecke
Foto: Julia Daecke (Privat)

Weniger als ein Drittel der Professuren in Deutschland ist mit Frauen besetzt, obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer studieren. Gerade in den MINT-Fächern stehen aufgrund dieses Ungleichgewichts Frauen die Türen weit offen. Wie man das Zeug zur Professorin erlangt und was danach kommt.

Ein Gastbeitrag von Dr. Julia Daecke

Nach Jahren in der Unternehmensberatung bei Roland Berger, in verschiedenen Führungspositionen im DAX-Konzern Deutsche Telekom und in der dynamischen Welt der Scale-ups stellte ich mir zunehmend die Frage: Was kommt als Nächstes? Auf der Karriereleiter war ich weit nach oben geklettert, hatte spannende Aufgaben verantwortet und Erfolge gefeiert – und doch fehlte mir etwas. Ich wollte meiner Arbeit einen tieferen Sinn verleihen – nicht nur im Unternehmen wirken, sondern für Menschen. Mein Wissen weitergeben, junge Talente inspirieren und sie bestmöglich auf das Berufsleben vorbereiten.

Gleichzeitig lockte mich die Aussicht auf mehr Selbstbestimmung: Zeit für die Themen, die mich wirklich interessierten, Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen, und die Möglichkeit, mein berufliches Wissen in einem neuen Umfeld zu nutzen. Nach einem inspirierenden Gespräch mit meinem Doktorvater wurde mir klar: Eine Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften könnte genau das Richtige für mich sein. Aber wie gelingt der Sprung von der Wirtschaft in die Wissenschaft?

Der Weg zur Professur: Vom Unternehmen in die Hochschule

Der Gedanke, Professorin zu werden, klang faszinierend – doch der Weg dorthin war für mich völliges Neuland. Die Berufungsverfahren an Hochschulen sind umfangreich, dauern oft bis zu einem Jahr und erfordern eine sorgfältige Vorbereitung. Ich musste mich nicht nur mit den formalen Anforderungen vertraut machen, sondern auch lernen, wie sich die Welt der Wissenschaft von der Wirtschaft unterscheidet.

Die wichtigsten Voraussetzungen:

1. Qualifizierte Promotion: Eine Dissertation mit mindestens magna cum laude ist in der Regel eine Voraussetzung.

2. Pädagogische Eignung: Lehrerfahrung ist ein Muss. Ein Lehrauftrag oder Gastvorträge bieten die Möglichkeit, diese nachzuweisen – und herauszufinden, ob die Lehre wirklich zu einem passt.

3. Berufserfahrung außerhalb des Hochschulkontexts: Mindestens fünf Jahre Praxis in der Wirtschaft sind Pflicht. Für mich war das natürlich ein klarer Vorteil.

Das Berufungsverfahren: Schritt für Schritt zur Ernennung

Der formale Prozess beginnt mit der Ausschreibung der Professur. Jede Professur muss ausgeschrieben werden und den gesamten Prozess durchlaufen. Eine Stellenvergabe über Netzwerke ohne Ausschreibung, wie man es aus der Unternehmenswelt kennt, ist in dieser Form nicht möglich.

Nach der Bewerbung werden in der Regel fünf bis sechs Kandidat:innen zu Probevorträgen eingeladen. Dabei gilt es, eine Lehrveranstaltung zu zwei – teilweise vorgegebenen – Themen zu gestalten, oft in Deutsch und Englisch. Gefragt sind dabei nicht nur Fachwissen, sondern auch didaktische Fähigkeiten: Lernziele formulieren, die Zuhörer:innen aktiv einbinden und einen klaren roten Faden entwickeln.

Nach den Vorträgen folgt das Vorstellungsgespräch mit der Berufungskommission. Anschließend wird eine Dreierliste mit den besten Kandidat:innen erstellt und von externen Gutachtern geprüft. Wer an erster Stelle steht, erhält den Ruf – das offizielle Angebot der Hochschule.

Doch auch nach dem Ruf ist der Prozess noch nicht abgeschlossen: Es folgt die Berufungsverhandlung mit der Präsidentin oder dem Präsidenten der Hochschule. Erst nach erfolgreichem Abschluss dieser Gespräche erfolgt die offizielle Ernennung zur Professorin bzw. zum Professor.

Meine Tipps für den Weg zur Professur

Der Weg mag lang und herausfordernd erscheinen, doch mit der richtigen Strategie und Vorbereitung ist er gut zu meistern. Hier sind einige Tipps aus meiner eigenen Erfahrung.

1. Netzwerk nutzen: Sucht frühzeitig den Austausch mit Professor:innen, die den Prozess bereits durchlaufen haben. Persönliche Erfahrungen sind wertvoller als jede formale Information.

2. Lehrerfahrung sammeln: Lehraufträge oder Gastvorträge sind nicht nur für die Bewerbung wichtig, sondern auch, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob Lehre wirklich eure Leidenschaft ist.

3. Ausschreibungen im Blick behalten: Identifiziert relevante Hochschulen (z. B. nach Region) und scannt regelmäßig deren Webseiten. Zusätzlich bietet der Jobnewsletter von ZEIT Online eine ausgezeichnete bundesweite Übersicht über alle Ausschreibungen.

4. Verbeamtung (falls interessant) und Besoldung prüfen: Die Altersgrenzen für die Verbeamtung variieren je nach Bundesland zwischen 47 und 52 Jahren. Auch die Besoldung unterscheidet sich teils deutlich – eine gute Übersicht findet ihr auf academics.de.

5. Bewerbungsunterlagen individuell anpassen: Eure Unterlagen sollten passgenau auf die jeweilige Ausschreibung zugeschnitten sein. Empfehlungsschreiben – etwa vom Doktorvater oder der Doktormutter – können euer Profil zusätzlich stärken.

6. Didaktische Kompetenz zeigen: In den Probevorträgen ist nicht nur Fachwissen gefragt. Ein durchdachtes, interaktives Lehrkonzept mit klaren Lernzielen kann den entscheidenden Unterschied machen. Und immer bedenken: Euer Probevortrag wird von Studierenden, Mitarbeitenden und Professor:innen bewertet.

7. Berufungsverhandlung gut vorbereiten: Bereitet euch intensiv vor. Themen wie Zulagen, Nebentätigkeiten und Probezeit beeinflussen eure spätere Arbeitszufriedenheit maßgeblich.

8. Vorbereitungskurse nutzen: Verbände wie der Hochschullehrerbund (HLB) bieten Seminare an, die einen kompakten Überblick über den Berufungsprozess geben – ein guter Startpunkt für eure eigene Planung.

Frauen in MINT: Große Chancen, wenig Konkurrenz

Besonders in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) stehen Frauen die Türen weit offen. Der Bedarf an weiblichen Professorinnen ist hoch: Laut ZEIT Online sind weniger als ein Drittel der Professuren in Deutschland mit Frauen besetzt, obwohl mittlerweile mehr Frauen als Männer studieren. Der Frauenanteil unter den 51.900 Professor:innen in Deutschland stieg zuletzt nur leicht von 28 auf 29 Prozent.

Interessant ist der Unterschied zwischen den Fachrichtungen: In den Geisteswissenschaften liegt der Frauenanteil bei 43 Prozent, in den Ingenieurswissenschaften jedoch bei nur 16 Prozent. Die Chancen für qualifizierte Bewerberinnen sind daher gerade in den technischen Disziplinen ausgezeichnet. Generell ist in Hochschulgesetzen verankert, dass Frauen bei gleicher Eignung, Befähigung und fachlicher Eignung bevorzugt zu berücksichtigen sind.

Die Belohnung: Freiheit, Sinn und ständiges Lernen

Heute kann ich mit Überzeugung sagen: Der Schritt in die Wissenschaft war die richtige Entscheidung. Die Interaktion mit meinen Studierenden und meinen Kolleg:innen bereitet mir große Freude, ihre Perspektiven inspirieren mich immer wieder aufs Neue. Die Freiheit, meine Forschungsthemen selbst zu wählen, und die Möglichkeit, mein Wissen kontinuierlich zu erweitern, sind für mich unbezahlbar. Ich lerne durch die Lehre – und wachse mit meinen Studierenden.

Ein besonderer Vorteil ist die Kombination meiner Professur mit meiner unternehmerischen Tätigkeit. Diese Verbindung schafft eine Win-Win-Situation: Ich halte meine Lehre praxisorientiert, erweitere mein berufliches Netzwerk und kann Studierende gezielt mit Unternehmen vernetzen – sei es für Praktika, Abschlussarbeiten oder den Berufseinstieg.

Mein Fazit: Der Weg zur Professur ist anspruchsvoll, aber er lohnt sich. Wer Freude an Lehre und praxisorientierter Forschung hat, wer junge Menschen inspirieren und gleichzeitig selbst wachsen möchte und wer die Freiheit und Selbstbestimmtheit liebt, findet in der angewandten Wissenschaft eine erfüllende Karriere.

Über die Autorin:

Dr. Julia Daecke ist Professorin für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Hochschule Koblenz und leitet den Studiengang Digital Business und Supply Chain Management. In ihrer Lehre verbindet sie fundiertes Fachwissen mit praxisnahen Einblicken, um Studierende gezielt auf die Herausforderungen und Chancen der digitalen Wirtschaft vorzubereiten. Neben ihrer akademischen Tätigkeit ist sie Geschäftsführerin von Ampermo, einem innovativen Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien.

Diesen Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

GOFLUO
Anzeige

Jetzt neu

Sie hat eine Achterbahnfahrt hinter sich – beruflich und mental. Ein Interview mit Sophia Thiel über Körpergefühl, Kalorien und Kapitalanlagen.