Wir fordern die Nacht ein

Foto: Yuliia Kaveshnikova/iStock Frau alleine nachts
Foto: Yuliia Kaveshnikova/iStock

Angst ist eine unglaublich treibende Kraft. Sie ist ein menschliches Grundgefühl, ein körperlich alarmierendes. Oft setzt sie in uns die richtigen Instinkte frei, macht uns handlungsfähig. Aber manchmal hilft sie uns nicht. Wir haben Angst, aber wir können dem Unheil nicht entkommen.

In der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche wurde in den Niederlanden ein 17-jähriges Mädchen auf ihrem Heimweg von einer Party in Amsterdam erstochen. Das von den Medien im nachhinein „Lisa“ genannte Opfer rief schon auf dem Fahrrad die Polizei, weil sie das Gefühl hatte, von einem Mann verfolgt zu werden. Sie hatte Angst. Sie hatte zurecht Angst. Beim Eintreffen an dem Ort, den das Mädchen genannt hatte, konnte die Polizei nur noch den Tod des Mädchens protokollieren.

Ein 22-jähriger Tatverdächtiger, wohnhaft in einem nahegelegenen Hotel, das derzeit als Migrantenunterkunft dient, wurde am Montag dem Haftrichter vorgeführt. Man hatte ihn aufgrund weiterer gegen ihn laufender Ermittlungen (eine Vergewaltigung und ein sexueller Übergriff) schnell identifizieren und durch eine Spezialeinheit festnehmen können.

Jetzt ist die Betroffenheit groß. Kampagnen wie „Wij eisen de nacht op“ (zu Deutsch: „Wir fordern die Nacht ein“) wurden von der Stadtverwaltung und der Amsterdamer Clubs Consultation (OAC) gestartet – reiht sich dieser Fall doch tragisch, aber mühelos in die aktuellen Trends der Kriminalstatistiken ein. Auch in die deutsche. Zwar wurden im vergangenen Jahr mehr Männer als Frauen ermordet, doch seit der Jahrtausendwende war es 16mal andersherum. Zurecht fordern die Frauen die Nacht ein. Oder ist es eher so, dass sie die Nacht zurück fordern?

Wie schreibt man über Femizide und die gewachsene Gefahr durch von Männern begangene Gewalttaten? Traut man sich auch, den Elefanten im Raum zu adressieren und Fragen zum Täter und zu dessen Herkunft zu stellen? Sofort regt sich die Schere im Kopf.

Ich bin Jahrgang 2004, ich erinnere mich nicht an eine Zeit, in der es mal anders war. Seit ich selbst alt genug bin auszugehen, habe ich nachts auf dem Nachhauseweg Angst. Das ist unangenehm, sehr unangenehm – auch wenn die Wahrscheinlichkeit, selbst Opfer zu werden, natürlich sehr klein ist. Aber da ist immer eine gewisse Befürchtung. Und die ist vollkommen berechtigt.

In Deutschland geschieht laut Bundeskriminalamt fast jeden zweiten Tag ein Femizid. Wenn man uns Frauen also mit einer wegwischenden Handbewegung abtut und behauptet, wir steigerten uns da in etwas hinein, ähnelt das fatal einem Metzger, der einem Schwein auf der Schlachtbank gut zuredet.

Das Schwierige an der Einordnung dieser Tötungsdelikte ist, dass es nicht mehr um Moral zu gehen scheint. Nicht um etwas, dass auch vom Täter als falsch erachtet wird. Falsch und Richtig sind keine Begriffe, die in unserer postmodernen Gesellschaft für Männer, die Frauen umbringen, weil sie Frauen sind, überhaupt noch einen Unterschied machen. Moral dient der Herbeiführung von Berechenbarkeit. Wenn diese Instanz wegfällt, sind wir Freiwild.

Genaueres zum Täter weiß man bis jetzt noch nicht, und dies ist nicht der Raum für Spekulationen über einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Mordlust. Aber man sollte diese Verbindung herstellen dürfen – und müssen, sofern sie tatsächlich besteht. Wir Frauen verdienen das. Genauso wie wir unsere Nacht, unsere Sicherheit verdienen.

Missstände müssen benannt werden. Männer, die sich nicht auf eine Gesellschaftsordnung einlassen wollen, in der Mädchen unbeschadet nachts von einer Party nach Hause gehen können, gehören nicht hierher.

Gebt uns die Nacht zurück, wir sind der Angst überdrüssig.

Alexa Gräf
Redakteurin Courage

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