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„Du darfst – alles, was mir schmeckt!“

Foto: Doucefleur/AdobeStock
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Früher war alles besser? Nein! Aber ich war dünner. Der Grund dafür war ein Werbespot und noch mehr.

von Felicitas Jung

Ja, ich bin ein Kind der Neunziger. Mein „gestorbenes“ Tamagochi war der erste echte Verlust, den ich erlitten habe – und zwischen den samstäglichen „Beverly Hills 90210“-Intrigen auf RTL war es ein damals immer wiederkehrender Werbespot, der sich erst in meinem Hippocampus festsetzte, um dann im Hypothalamus seine volle Wirkung zu entfalten. Kurz, ich hatte den 30-Sekunden-Clip im Kopf und bekam ihn nicht mehr raus: „Ich will so bleiben, wie ich bin, Du darfst, will so bleiben wie ich bin, Du darfst – alles, was mir schmeckt“, gurrte da eine unsichere Frauenstimme zu hypnotischen Italo-Disco-Beats. Im Bewegtbild tanzte dazu ein schlank modelliertes Hübschchen in rotem Kleid in der Morgensonne die Hamburger Alster entlang, bis im Abspann Käse, Wurst und Co gezeigt wurden. Anders als beim zwinkernden Melitta-Mann, der mich eher an unseren etwas aufdringlichen Deutschlehrer erinnerte, war das sorglos geträllerte „Du darfst“ irgendwie der Beginn einer gestörten Beziehung von mir zu meinem Körper.

Als meine Pubertät in ihrer vollen Blüte stand und ich jeden Tag gefühlt einen Zentimeter wuchs, da passierte es. Zwischen Mittelstufen-Nerv und Sitzenbleiben-Panik, Mutter-Wochenend-Diskussionen und Beste-Freundinnen-beste-Feindinnen-Wechselspielchen blieb mein natürliches Hunger-satt-Gefühl auf der Strecke. Mal wurde mir von fünf Rosinen als Hauptmahlzeit so schlecht, dass ich mich übergeben musste, dann wieder konnte ich zwei Big Mac, große Pommes und Milchshake binnen Minuten vertilgen und fühlte mich erst super und später richtig mies. Bei alldem fiel mir nicht im Geringsten auf, dass etwas aus dem Ruder gelaufen war. Ich betrieb erfolgreich Leistungssport, gewann Landesmeisterschaften, war mit meinem Team beim Bundesfinale „Jugend trainiert für Olympia“ in Berlin. Und ich war schlank, also richtig schlank – wie das „Du darfst“-Model. Aber sobald ich eine halbe Banane oder ein halbes Brötchen gegessen hatte, schlug das Empfinden um in „Jetzt bin ich fett“. Ein emotionales Jo-Jo, das über Jahre anhielt. Traumfigur, Hassfigur und so weiter… Da es meinen Freundinnen auch kein bisschen anders erging, kam uns das alles ganz normal vor. Denn nur dünn sein hieß auch schön sein.

Heute schaue ich auf die damaligen Fotos von mir mit diffusen Gefühlen: Einerseits ein staunender Blick auf diese endlos langen, dünnen Beine, die mich, heute jung, sicher zu einem Tiktok-Junkie gemacht hätten, andererseits das oft viel zu blasse und hohlwangige Gesicht, das nun wahrscheinlich jeden alarmieren würde, weil da gesundheitlich schon auf den Bildern die Diagnose leichtfällt. Natürlich war ich essgestört, natürlich war das damals auch nicht ungefährlich – aber „as time goes by“. Nicht ich fand den Ausweg, der Weg fand mich. Glück gehabt. Denn kaum aus der Schule raus, wurde die neue Freiheit ausprobiert, die Welt erkundet, Umzug, neue Stadt, neue Freunde. Später ein toller Job und ein Partner fürs Leben. Nur ein Problem ist geblieben: In der Küche fühle ich mich bis auf das Befüllen von Teekanne oder Cappuccino-Tasse ziemlich fehl am Platz. So bleibe ich auch mit 15 Kilo mehr auf der Waage meinem Hit treu: „Du darfst – alles, was mir schmeckt“. (ag)

Den ganzen Artikel zum Thema „Mein Körper“ findet ihr in der Courage 05/23.

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